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Urteilen

Um irgend etwas richtig zu beurteilen, müsste man sich einer unvorstellbar weiten Bandbreite von Dingen völlig bewusst sein, vergangenen, gegenwärtigen und solchen, die noch kommen werden. Man müsste im voraus alle Wirkungen seiner Urteile auf jeden und auf alles, was irgendwie damit zu tun hat, erkennen. Und man müsste sicher sein, dass es keine Verzerrungen in der eigenen Wahrnehmung  gibt, so dass das Urteil gänzlich gerecht wäre jedem gegenüber, auf dem es jetzt und in der Zukunft liegt. Wer ist in der Lage das zu tun? Wer würde dies für sich in Anspruch nehmen, außer in größenwahnsinnigen  Phantasien?

 

Diese Textstelle aus "Ein Kurs in Wundern" macht ziemlich deutlich, wie begrenzt unser Urteilsvermögen sein kann.

Es passt ganz gut zu einem Erlebnis vor einigen Jahren, als Ariel einmal krank war und ich in diesem Augenblick nicht mehr wusste, was ich noch tun kann, um ihm zu helfen. Ich klagte Gott mit all meiner Wut und meiner Verzweiflung an:

"Warum tust du das? Warum lässt du Ariel krank werden? Wie jedes Tier, ist auch er zutiefst unschuldig und hat dieses Leiden nicht im Geringsten verdient. Wenn Du jemanden bestrafen willst, dann nimm mich oder irgendeinen Idioten*, der es verdient hätte, aber lass'  Ariel in Ruhe!"

Und wie immer, wenn ich wirklich eine Antwort auf mein Flehen bekommen möchte, bekam ich auch damals eine Antwort,

und GOTT sprach: "Sei ganz ruhig, denn du verstehst gerade das GROSSE GANZE nicht."

Und in diesem Augenblick wurde ICH still und ich wusste, dass es GUT war.

 

Das heißt nicht, dass ich nicht mehr versucht hätte zu helfen, aber ab diesem Zeitpunkt war es kein dringendes und verzweifeltes "helfen müssen" mehr, denn es war zutiefst erkennbar: 

NICHTS liegt wirklich in "meiner" Hand. Wenn "meine" Hilfe Wirkung zeigen soll, dann wird sie es tun. Wenn der GROSSE MANN anderer Meinung ist, dann habe "ich" NICHTS zu melden.

Und wie man es sinngemäß im Kurs lesen darf:

Wir können das Urteilen gar nicht aufgeben, da uns klar werden kann, das wir etwas nicht aufgeben können was wir gar nicht haben (die Fähigkeit ein gerechtes Urteil zu fällen).

Und wenn da "draussen" merkwürdige Dinge passieren, auf die sich das "kleine Ich" keinen Reim machen kann und auf die es  eigentlich nur mit Entsetzen reagieren kann, dann hilft die Antwort von damals:

"Ich sehe gerade das GROSSE GANZE nicht und ich weiß gerade nicht, wozu das jetzt dient."

Verrückterweise wird durch das Zulassen der Möglichkeit des Nichtwissens das SEHEN immer größer, und das "kleine Ich" darf Zusammenhänge und Hintergründe erkennen und verstehen, die es sich in seinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können.

 

*PS Und das "kleine ich" weiß heute (und wusste es schon damals), dass es keinen Gott gibt, der irgend jemanden bestrafen will und es gibt auch keine Idioten, die es verdient hätten ;-)